Viele mittelalterliche Berufe sind im 21. Jahrhundert unbekannt: der Reißer; Holzschnittzeichner, der Münzmeister, der Goldschläger; Blattgoldschläger, der Nestler; Schnürsenkelmacher, der Schwartzferber; Färber, und der Bader.

Die Texte von Hans Sachs zu den Bildern im Ständebuch, das viele Berufe des Mittelalters zeigt und erklärt, sind informativ und witzig, wie das Beispiel des Baders zeigt:

"Kommt her ins Bad, Reiche und Arme, es ist jetzt gut geheizt. Ihr werdet mit wohlriechender Seife gewaschen, dann setzt ihr euch auf die beste Bank, schwitzt und werdet mit Wasser übergossen und dann fest abgerieben. Mit einem Aderlass wird euer überschüssiges Blut abgenommen. Dann werdet ihr mit einem Wannenbad erfreut, anschließend geschoren und von den Flöhen befreit."

Nicht jeder Beruf war im Mittelalter gleichermaßen angesehen. Schäfer, Leinweber, Bader, Bachfeger, Henker und Totengräber hatten ein schlechtes Image. Sie durften keiner Zunft beitreten oder eine gründen. Schäfern war es nicht einmal erlaubt, im Schatten der Kirche zu wohnen. Der Schäfer war ein Einzelgänger. Das machte misstrauisch. Er zog dem toten Schaf das Fell ab, war also ein geschmähter Abdecker. Ein Schinder. Zudem verfügte er über geheimnisvolle Arzneien, womit er Tiere und Menschen heilen konnte, was ihn in die Nähe eines Zauberers brachte. Somit galt der Schäfer als Unehrlicher wie Stadtpfeifer und Zöllner. Für den Schäfer gab es nur Solidarität in der Schäferbruderschaft. Erst bei einem Reichstag, der 1548 in Augsburg von Kaiser Karl V. durchgeführt wurde, hatte man eine Verordnung erlassen, die auch diesen angeblich unehrlichen Berufen den Eintritt in eine Zunft ermöglichte.

 


 

Das Arbeitseinkommen der einfacheren Bevölkerungsschicht im Hochmittelalter war im Vergleich zu den heutigen Verhältnissen mit ihren "sozialen Errungenschaften" erstaunlich hoch.

Im Gebiet von Aachen verdiente um 1300 ein Tagelöhner an einem Tage beinahe den Preis von zwei Gänsen.

Um 1480 konnte sich am deutschen Niederrhein ein Tagelöhner bei freier Kost für den Lohn eines Arbeitstages anschaffen: 2 1/4 Liter Roggen, 2 Pfund Kalbfleisch, eine große Kanne Milch, und außerdem behielt er noch soviel Geld übrig, dass er in 4 bis 5 Wochen sich ein Paar Schuhe, 6 Ellen Leinewand und eine gewöhnliche Arbeitsjacke kaufen konnte.

Zu derselben Zeit verdiente in Sachsen ein gewöhnlicher Tagelöhner wöchentlich 6 bis 8 Groschen. Ein Schaf kostete in dieser Zeit 4 Groschen, ein Paar Schuhe 2 Groschen.

War der Lohn von ungelernten Tagelöhnern schon relativ hoch, so war das Entgelt für ausgebildete Arbeitskräfte natürlich noch besser bemessen.

Die Arbeitskräfte bekamen in der Regel aber nicht nur ihren Arbeitslohn, sondern noch allerlei zusätzliche Vergünstigungen. Die Handwerksgesellen hatten häufig freie Kost und Logis. In einer herzoglichen Landesverordnung von Sachsen, die den Höchstlohn für Handwerksgesellen festlegte, wurde die Empfehlung ausgesprochen, den "Werkleuten sollten zu ihrem Mittagmahle und Abendmahle nur vier Essen, an einem Fleischtag eine Suppe, ein Essen grüne und dörre Fische, zwei Zugemüse; so man fasten müsse, fünf Essen, eine Suppe, zweierlei Fisch und zwei Zugemüse und hierüber 18 Groschen, den gemeinen Werkleuten aber 14 Groschen wöchentlicher Lohn gegeben werden, so aber dieselben Werkleute bei eigener Kost arbeiteten, so solle man dem Polierer über 27 Groschen und dem gemeinen Maurer und so weiter über 23 Groschen nicht geben."

 

Um eine Vorstellung von dem Wert eines solchen Einkommens zu erhalten, soll ein Preisvergleich dienen:

Ein Scheffel Korn kostete im 15. Jahrhundert etwa 6 Groschen und 5 Pfennig, 1 Groschen entspricht 12 Pfennig. Umgerechnet in Kilogramm, 1 sächsischer Scheffel entspricht 103,83 Liter; 1 Liter Korn gleich 0,8 Kilogramm, konnte man für 1 Groschen etwa 14 Kilogramm Korn kaufen.

Wenn in Meißen nun jedem Maurergesellen wöchentlich 5 Groschen "Badegeld" zum Arbeitslohn zusätzlich gegeben werden musste, so entsprach dies einer Getreidemenge von 70 Kilogramm.

Würde man einen Kilopreis von 1 Euro für Speiseroggen annehmen, dieser Preis dürfte gerechtfertigt sein, da das Mittelalter noch keine mit technischen Hilfsmitteln ermöglichte Massenproduktion an Getreide kannte und das Warenangebot weitaus geringer war, so würde der oben angegebene Lohn des sächsischen Maurers, der allerdings keine freie Kost bekam, in heutigem Geldwert etwa 1327 Euro pro Monat entsprechen.

Die Fürsten versuchten nicht nur den Arbeitslohn und die Zahl der Essen der Handwerksgesellen zu beschränken. Der Wohlstand der Werkleute führte auch zum Kleiderluxus, so dass sie äußerlich oft nicht mehr von den Adligen zu unterscheiden waren. Auf den Reichstagen zu Freiburg, 1498, und Augsburg, 1500, wurden die Handwerksknechte ermahnt: "auch kein Gold, Silber, Perlin, Sammet, Seyden, Schamlot noch gestückelten Kleider anzutragen." Wie wenig Wirkung solche Verfügungen hatten, zeigt sich allein schon daran, wie oft sie wiederholt werden mußten.

"Die Zeit etwa von 1150 bis 1450 ist eine Zeit außerordentlichen Aufschwunges, eine Zeit der Blüte der Volkswirtschaft, wie wir sie uns heute kaum vorzustellen vermögen."

Trotz des hohen Lohnes und der enormen wirtschaftlichen Leistungen war die Arbeitszeit erstaunlich kurz. So hatten Bergwerksknappen in Sachsen noch um 1465 eine Arbeitszeit von sechs Stunden am Tag. Erst im Jahre 1479 wurde sie nach langen Verhandlungen auf sieben Stunden heraufgesetzt. Vielfach hatten die Gesellen den "blauen Montag" durchgesetzt, an dem sie gemeinsam die Arbeit für die Woche berieten oder den sie zum Baden und zu Waffenübungen nutzen konnten. Der französische Geschichtsforscher Rene Thevenin berichtet, dass die Handwerksgesellen nur durchschnittlich vier Tage in der Woche zu arbeiten hatten, da die Zahl der streng eingehaltenen Feiertage 90 betrug.

 

Das Wohlergehen der Menschen im Hochmittelalter beschränkte sich nicht nur auf die Bürger der Stadt. Auch für die abhängigen Bauern, die Fronarbeit für ihren Herrn leisten und ihm Zins abliefern mussten, wurde das Los leichter. "Stadtluft macht frei!" lautete ein heute noch bekannter Wahlspruch. Wer auf dem Lande als Höriger gesessen hatte, wurde ohne weiteres frei, wenn er ein Jahr lang Stadtluft geatmet hatte, ohne von seinem früheren Herrn zurückgefordert zu werden. Durch Abwanderung von ehemals Leibeigenen in die Städte verringerte sich die Zahl der Arbeitskräfte auf dem Lande. In der Folge stiegen die Löhne der Landarbeiter. Nach Damaschke verdiente im Fürstentum Bayreuth "ein landwirtschaftlicher Tagelöhner im Jahr 1464 täglich 18 Pfennig, während ein Pfund des besten Rindfleisches 2 Pfennig kostete."

 

Die Gesundheit und Reinlichkeit des Leibes waren dem Menschen der Gotik sehr wichtig. Adolf Damaschke schreibt: "Bezeichnend für die Höhe der Lebenshaltung aller Schichten war die Ausdehnung des Badewesens." Im 14. Jahrhundert gab es in Basel 15, Nürnberg zwölf, Ulm zehn, Stuttgart vier, Würzburg sieben und in Wien gar 29 öffentliche Badestuben. Die Bader hatten ihre eigene Zunft. Neben den öffentlichen Badeanstalten gab es aber auch private "Badestüblein". So konnte Ulm um 1489 allein 168 solcher Badestüblein zählen. Noch um 1900 gab es in Deutschland mehr als 1000 Orte mit über 3000 Einwohnern ohne jede öffentliche Warmbadegelegenheit. Der deutsche Kaiser Wilhelm I. musste sich zum Baden einen Holzzuber von einem nahe gelegenen Hotel ausleihen. Im Mittelalter gab es selbst für die Armen, das heißt für die Handwerksburschen, die fahrenden Gesellen und ähnliches Volk noch "Freibäder", sogenannte "Seelenbäder", die aus Stiftungen für die Armen und zur allgemeinen Wohlfahrt errichtet worden waren.

 

Die Zeit der Brakteaten im Hochmittelalter etwa von 1150 bis 1450 nach Christus bildet eine interessante Ausnahme in der Geldgeschichte. Während dieser Zeit gab es regelmäßige Münzverrufungen, "renovatio monetarum", bei denen die alten Münzen gegen neue umgetauscht werden mussten. Der jeweilige Geldbesitzer musste für den Umtausch seiner Münzen einen Schlagschatz beziehungsweise eine Prägesteuer in Höhe von zehn bis 25 Prozent bezahlen. Diese Steuer diente als Einnahme für den Fürsten und verhinderte eine Geldhortung, die zu Absatzstockung und Wirtschaftskrisen geführt hätte. Durch die Münzverrufungen war der Absatz der produzierten Waren gesichert und es entstand eine Wirtschaftsblüte und Kulturblüte, wie wir sie uns heute kaum mehr vorzustellen vermögen. Um 1495 wurde auf dem Reichstag zu Worms der "Ewige Pfennig" wieder eingeführt und die Münzverrufungen hörten auf. In der Folge setzten Hungersnöte, Seuchen, Krisen und Kriege ein. Das Geld konnte wieder gehortet werden, wodurch der Wirtschaftskreislauf ins Stocken geriet. Im Spätmittelalter erlang deshalb der Tauschhandel wieder größere Bedeutung. Neben aufkommenden privaten Geldersatzmitteln, wie Papiergeld und Wechsel, entstanden bargeldlose Verrechnungssystem, sogenannte Messewährungen. Man nannte sie "ecu de marc" oder "ecu de soleil" und es gab sie in Frankreich, Belgien, Spanien und Italien. Hugo Godschalk schreibt: "Diese Messewährungen dienten zur multilateralen Verrechnung zwischen den Händlern und richteten sich in ihrem Wert nach einem real umlaufenden Zahlungsmittel oder nach einem Währungskorb." Im 15. Jahrhundert diente ein "carnet", Buch, auf der Lyoner Messe als Tauschmittel, in dem die Käufe und Verkäufe in "ecu de marc" eingetragen wurden. Der Zahlungsausgleich erfolgte nach der Handelsmesse durch eine Devisenmesse, so dass Geld als Zahlungsmittel nur zu einem kleinen Teil notwendig war. Es konnten aber auch Forderungen bis zur nächsten Messe kreditiert werden. Der Bargeldumsatz machte mitunter nur circa 25 Prozent des gesamten Warenumsatzes aus. Der restliche Warenumsatz wurde ausschließlich über das jeweilige Verrechnungssystem ohne Geld abgewickelt. Später entstanden Börsen und öffentliche Girobanken, wie zum Beispiel die Banco della Piazza di Rialto in Venedig, 1587, und die Amsterdamer Wisselbank, 1609. Die Amsterdamer Wisselbank entwickelte sich als Girobank am Ende des 17. Jahrhunderts zur größten Welthandelsmacht.

  

Scharlatanerie

Mit diesem Namen hat man die Leute bezeichnet, die auf den Märkten Buden errichten und unter das niedrige Volk Heilmittel verteilen, denen sie alle möglichen Eigenschaften zuschreiben. Dieser Begriff ist unterdessen verallgemeinert worden, und man hat festgestellt, dass jeder Beruf seine Scharlatane kennt. So ist in dieser allgemeinen Bedeutung die Scharlatanerie der Fehler dessen, der darauf ausgeht, sich selbst oder den Dingen, die ihm gehören, durch vorgetäuschte Eigenschaften Geltung zu verschaffen. Das ist eigentlich eine Vortäuschung von Talenten oder von Sachverhalten. Der Unterschied zwischen dem Krämer & dem Scharlatan besteht darin, dass der Scharlatan weiß, wie wenig das, was er anpreist, wert ist, während der Krämer Nichtigkeiten anpreist, die er wirklich für wunderbare Dinge hält. Daraus ist zu ersehen, dass der eine oft ein Tor und der andere immer ein Betrüger ist. Der Krämer wird durch die Dinge und durch sich selbst getäuscht; die anderen werden dagegen von dem Scharlatan getäuscht.

Joomla templates by a4joomla