Glaube und Aberglaube sind ein sehr breites und vielschichtiges Themengebiet, welches hier sicherlich nicht komplett abgehandelt werden kann/soll, dennoch wird versucht einen Einblick in die Mysterien des Mittelalters zu gewähren und ein bisschen Licht in das Dunkel zu bringen. Viele Zusammenhänge zwischen den einzelnen Komponenten sind so komplex, dass es hier ratsamer ist weiterführend entsprechende Fachliteratur zur Hand zu nehmen.

 

Christliches Mittelalter und Christianisierung

Das Christentum als eine der großen Weltreligionen prägte Europa im Mittelalter in allen Lebensbereichen; es förderte durch seine Kultur und Kirchenorganisation die Einheit des Kontinents, aber gleichzeitig auch die Abgrenzung gegenüber dem Islam und seit der Kirchenspaltung (1054) gegenüber der griechisch-orthodoxen Welt. Die Christianisierung Europas erstreckte sich über einen langen Zeitraum: In Gallien und am Rhein existierten bereits in römischer Zeit (3./4. Jahrhundert) einzelne Gemeinden und Bischöfe. Im Frankenreich entstanden derartige Organisationen durch die Mission der irischen und angelsächsischen Mönche vom 6. bis 8. Jahrhunderts; Nordeuropa und das Baltikum wurden erst vom 11. bis 14. Jahrhunderts christianisiert. Da die Christianisierung meist "von oben", das heißt durch die Taufe der Herrscher geschah, denen die Bevölkerung der zeitgenössischen Auffassung entsprechend zu folgen hatte, blieb die Bekehrung zunächst oberflächlich. Erst seit dem Hochmittelalter (12./13. Jahrhundert) wurden mit dem Bevölkerungswachstum mehr Pfarrstellen eingerichtet, und die kirchliche Versorgung (Seelsorge, Sakramente) konnte intensiviert währen. So prägte das Christentum zunehmend das Denken, Fühlen und Handeln der Menschen.


Die Geistlichkeit (Klerus)

Mit der Kirchenorganisation entwickelte sich der geistliche Stand. Er war durch die Weihe seiner Mitglieder gegenüber allen anderen Menschen (Laien) hervorgehoben. Der Klerus, untergliedert in Weltgeistliche (zum Beispiel Priester, Bischof) und Ordenskleriker (Mönche, Nonnen), war in sich gestuft nach geistlichen und rechtlichen Befugnissen. Im Mittelalter entstammte der Hochklerus (Äbte, Bischöfe) meist dem Adel. Kleriker besaßen besondere Standesvorrechte: Sie waren von der weltlichen Gerichtsbarkeit befreit und unterstanden nur dem geistlichen Gericht. Ebenso waren sie von weltlichen Abgaben und Steuern befreit. Zu den Standespflichten des Klerus zählten das Gebet, ein würdiger Lebenswandel und Ehelosigkeit. Die materielle Grundlage ihrer Lebensführung erhielten Geistliche mit ihrem Amt als sogenannte Pfründe. Sie ging aus dem Zehnt (kirchliche Steuer), aus Opfergaben und vielen Schenkungen der Laien hervor.


Kirche und Welt

Geistliche und weltliche Bereiche durchdrangen sich im Mittelalter, ohne dass eine klare Abgrenzung möglich gewesen wäre. So war das Leben der Menschen von der Geburt (Taufe) bis zum Tod (Sterbesakrament), im Alltag (durch Fastenvorschriften und Kalender) und an Festtagen (Prozessionen, Gottesdienste), im Glauben (Himmel und Hölle) und im Weltverständnis (Gottes Walten in der Natur) durch die geistliche Sphäre geprägt. Andererseits war der Laieneinfluss in der Kirche erheblich: Die meisten Kirchen- und Klöstergründungen gingen darauf zurück, dass Adlige (später auch Bürger) einen Teil ihres Besitzes spendeten (stifteten), so dass Bauten errichtet und Kleriker versorgt werden konnten. Da die Stifter selbst oder andere Familienangehörige häufig Geistliche in den gestifteten Einrichtungen wurden und darüber hinaus kirchliche Erträge an die Gründer flossen, waren diese Eigenkirchen (moderner Fachbegriff) massivem Laieneinfluss ausgesetzt. Die Kirchenreform des 11./12. Jahrhundert mit ihrer Forderung nach Freiheit der Kirche drängte diesen Einfluss erfolgreich, aber keineswegs völlig zurück. In ähnlicher Weise wurde der Einfluss der Könige auf die Kirche beschränkt. Die christlichen Herrscher sahen sich als mit dem heiligen Öl Gottes Gesalbte (sakrales Königtum) und als von Gott unmittelbar eingesetzt (Gottesgnadentum). Als ihren Auftrag betrachteten sie die Durchsetzung der gottgewollten Ordnung in einer christlichen Welt. Aufgrund dieser Auffassung setzten die deutschen Könige und Kaiser Bischöfe ein und sogar Päpste ab. Die Reformpäpste, allen voran Gregor VII., verwehrten ihnen dieses Recht und beanspruchten die oberste Gewalt sogar in weltlichen Dingen (Investiturstreit).

Je weiter die Zeitalter fort schritten, desto weniger konnte sich die Kirche allem weltlichen entziehen. 1382 wurde in der Chronik von Burkard Zink festgehalten: "Item es ist ze wißen, daß auf das mal alle pfaffen, pröbste und klöster, die hie in der stst wolten sein, die muesten burger werden und genant steur geben. und alles guet, das die pfaffen hetten, die auß der stat gefaren waren, es wär koren, pett und aller hausraht, was man fand, des underwunden sich die burger." - Kurz gesagt, alles kirchliche wurde dazu verpflichtet auf alle ihre Güter Steuern zu zahlen.


Aufgaben der Kirche

Neben Seelsorge, Gottesdienst und Vermittlung der christlichen Lehre besaß die Kirche im Mittelalter ein weit gefächertes Aufgabenfeld: Nach außen wirkte insbesondere der Missionsauftrag (einschließlich der Kreuzzüge). Innerhalb der christlichen Welt war sie bis zum Hochmittelalter in der Reichsverwaltung (fast nur Kleriker konnten schreiben und lesen) sowie in Kultur und Bildung (Kloster- und Domschulen) führend. Die gesamten, heute als Sozialfürsorge bezeichneten Dienste von der Armenspeisung bis zur Krankenpflege gehörten ebenfalls zu ihrem Wirkungsfeld.


Kritik an der Kirche

Kritik am Reichtum der Kirche und den in weltlichem Luxus lebenden Geistlichen gab es im gesamten Mittelalter. Sie führte zu zahlreichen Reformen (Reformorden, Reformpapsttum). In Westeuropa entstanden seit dem 11. Jahrhundert Häresien, das heißt Irrlehren aus der Sicht der römischen Kirche, da sie von der offiziellen Glaubenslehre abwichen. Als soziale Massenbewegungen, erfüllt von Frömmigkeit und dem Glauben an einen besseren Weg zum Heil, traten in den Städten Oberitaliens, Südfrankreichs, zum Teil auch in Deutschland die Katharer und Waldenser mit ihren Forderungen nach einer armen Kirche hervor. Die Katharer (griechisch die Reinen; mittelhochdeutsch Ketter, daher auch Ketzer) glaubten an den guten Gott, dem der Teufel als böser "Gott" und Weltenschöpfer gegenüberstand. Sie suchten die vom Bösen bestimmte materielle Welt zu überwinden und lehnten die reiche Kirche, deren Hierarchie, die Sakramente, Fleischgenuss, die Ehe, Krieg und die Todesstrafe ab. Die Waldenser waren Anhänger des Lyoner Kaufmanns Valdes (um 1173), der seinen Besitz verschenkt hatte und als bettelnder Wanderprediger das Armutsideal verkündete. Die Gegenmaßnahmen der Kirche bestanden neben verstärkter Seelsorge und Predigt im Ausschluss aus der christlichen Gemeinschaft (Exkommunikation), der die Waldenser ab 1184 traf. Die Katharer wurden im Albigenserkreuzzug (1209-1229) weitgehend vernichtet. Seit 1232 verurteilte eine päpstliche Verfolgungsbehörde (Inquisition) die Ketzer und übergab sie der weltlichen Gewalt zur Verbrennung.


Mönche und Nonnen

Das Mönchtum entstand in Syrien, Palästina und in Ägypten in der Form des einzeln lebenden Eremiten oder als gemeinsames Leben in einem Kloster. Diese zweite Ausprägung erhielt durch die Regel des Benedikt von Nursia die für das europäische Mönchtum (bis ins 11. Jahrhundert) allgemein gültige Form. Das benediktinische Mönchtum war geprägt von der Forderung nach persönlicher Armut, Keuschheit, Gehorsam, dauerndem Aufenthalt im Kloster und durch den Wechsel von körperlicher Arbeit und Gebet (lateinisch: ora et labora, bete und arbeite). Da diese strengen Anforderungen häufig vernachlässigt wurden, kam es in der Geschichte des Mönchtums immer wieder zu Reformen. Die meisten Orden hatten neben Klöstern für Männer (1.Orden) auch Frauenklöster (2.Orden). Mit der Gründung des Klosters Cluny begann unter Betonung des feierlichen Gottesdienstes eine Rückbesinnung auf die Regel Benedikts. Gegen den wachsenden Reichtum von Cluny setzten mehrere neue Orden das ursprüngliche Armutsideal und Einsamkeitsideal. Neben den Kartäusern und Prämonstratensern war der bedeutendste der Zisterzienserorden (gegründet 1098). In diesen einsam gelegenen, schmucklosen Klöstern, auf den zahlreichen Außenhöfen arbeiteten die Mönche oder Nonnen wieder selbst, vor allem aber die gesondert lebenden Laienbrüder beziehungsweise Laienschwestern. Die Zisterzienser betrieben Landwirtschaft und waren an der Binnenkolonisation und der Ostsiedlung beteiligt. Seit dem 13. Jahrhundert entstand in den Bettelorden der Franziskaner, Dominikaner und Karmeliter eine völlig neue Form des Mönchtums: Die Armut des einzelnen Mönchs galt ebenso für den Orden; der Lebensunterhalt wurde wesentlich durch Betteln erworben. Wichtigste Aufgabe (neben Mission, Ketzerbekämpfung und Studium) war die volksnahe Seelsorge durch Predigt und Beichte. Dazu ließen sich die Mönche in den Städten nieder. Gab es bisher im Kloster überwiegend Adlige, traten nun Bürger in die Bettelorden ein, die ihrerseits fromme Laienvereinigungen (Dritte Orden) unterstützten und kontrollierten.


Leistungen der Klöster

Die ursprüngliche Bestimmung des Klosters war auf das Seelenheil der Mönche beziehungsweise Nonnen und ihre Fürbitte für andere Menschen ausgerichtet. Zahlreiche Aufgaben kamen allmählich hinzu:

Viele Klöster dientem dem König oder Landesherrn, der oft auch Vogt des Klosters war zur Festigung seiner Herrschaft in bestimmten Gebieten, besonders wenn er Einfluss auf die Wahl des Abtes nehmen konnte. Viele Äbte übernahmen für den König diplomatische Aufgaben oder waren in seiner Kanzlei.

Die Klöster boten den Bauern, die sich unter ihren Schutz begaben, Sicherheit vor den Übergriffen der Grundherren. Im Kloster konnte gelegentlich auch ein Angehöriger der unteren Volksschichten aufsteigen.

Die Klöster gründeten Schulen, in denen man die lateinische Sprache sowie Lesen und Schreiben lernte. In den Schreibstuben wurden Werke der antiken und der mittelalterlichen Literatur abgeschrieben und kostbar ausgemalt. Die Klöster verfügten daher über reichhaltige Bibliotheken und hervorragende Lehrer. Auch die Musik erhielt von dem Kirchengesang der Mönche wichtige Impulse. Mönche waren auch in der Heilkunde führend.

Die Klöster waren zugleich große Wirtschaftsbetriebe. Die Mönche machten oft das Land erst urbar und lehrten die Bauern fortschrittliche Methoden des Obst- und Gartenbaus. Klosterküche, Klosterkeller und Klosterbrauerei konnten ihre Bedeutung oft bis heute bewahren. Um die Klöster herum konnten auch Märkte und Städte entstehen.

 

Ordensregel

Das Klosterleben war bestimmt durch die Ordensregel: Der durch die Schweigepflicht geprägte Tag begann bald nach Mitternacht, sah ca. alle drei Stunden das ausführliche Chorgebet, Lesungen und Gesänge vor, die durch Arbeit (mehr Lesen und Schreiben als Handarbeit) und eine Hauptmahlzeit unterbrochen wurden. Zwischen 18 und 20 Uhr begann die Nachtruhe. Die Wirklichkeit in den Klöstern entsprach oft nicht dem Ideal der Ordensregel. Im Zentrum der Klosteranlage lag die Kirche, ihr direkt angeschlossen war die Klausur, das heißt die nur den Mönchen bzw. Nonnen vorbehaltenen Räume wie Kreuzgang, Schlaf- und Speisesaal. Spital, Herberge, zahlreiche Stallungen und Wirtschaftsgebäude schlossen sich an. Die Leitung übte mit Hilfe weiterer Ämter der meist von den Klosterinsassen gewählte Abt oder Prior, im Frauenkloster die Äbtissin oder Priorin, im Sinne eines strengen Familienoberhauptes mit umfassenden Befugnissen aus.

 

Die Lehre von den zwei Schwertern - König und Kirche im Mittelalter

Ebenso wie im römischen Reich, wo das Christentum 380 zur Staatsreligion geworden war, bestanden auch im Frankenreich nach der Taufe Chlodwigs enge Beziehungen zwischen Staat und Kirche. Wiederholt baten die Päpste im 8. Jahrhundert die Franken um Unterstützung gegen die Langobarden, während Pippin die Hilfe des Papstes brauchte, um als König anerkannt zu werden. Die fränkischen und deutschen Könige und Kaiser betrachteten sich als Schutzherr und "Schwert" der Kirche und fühlten sich auch verpflichtet einzugreifen, wenn in dieser Uneinigkeit herrschte. So konnte noch Kaiser Heinrich III. 1046 auf den Synoden (Kirchenversammlungen) von Sutri und Rom hintereinander drei Päpste absetzen. Hinzu kam, dass der deutsche König für sich das Recht beanspruchte, Bischöfe, Erzbischöfe und Äbte, die gleichzeitig weltliche Fürsten waren, zu investieren (einzusetzen). Otto der Große zum Beispiel hatte dieses Recht planmäßig ausgenutzt, um seine Macht im Reich zu erweitern (Ottonische Reichskirchenpolitik).

Im 11. Jahrhundert griff man aber auf die schon alte Lehre von den zwei Gewalten zurück. Diese verdeutlichte man nach einem Vers aus dem Lukas-Evangelium (22,38) mit dem Bild von den "zwei Schwertern", einem geistlichen, das der Papst, und einem weltlichen, das der Kaiser halte. Die Kaiser waren der Meinung, dass beide Schwerter unmittelbar von Gott an Kaiser und Papst verliehen würden, während nach päpstlicher Auffassung der Papst beide Schwerter empfing und das weltliche an den Kaiser weitergab. Der Papst erhob damit den Anspruch, über dem Kaiser zu stehen.

Eine Reihe von Päpsten, die unter dem Einfluss der von Kloster Cluny ausgehenden Reformbewegung standen, versuchte, diesen Anspruch durchzusetzen. So legte 1059 Papst Nikolaus II. durch das Papstwahldekret (Papstwahlgesetz) fest, dass der Papst durch das Kollegium der Kardinäle zu wählen sei, und sprach damit dem Kaiser das Recht ab, Päpste ein- und abzusetzen. 1075 erhob Papst Gregor VII. im Dictatus Papae (Diktat des Papstes) Ansprüche, die noch erheblich weiter gingen: Nur noch der Papst dürfe Bischöfe absetzen und investieren. Er könne den Kaiser absetzen und die Untertanen vom Treueid gegen ungerechte Herrscher entbinden.

Damit begann der Investiturstreit, denn der deutsche König Heinrich IV. wollte auf sein Recht zur Investitur von Bischöfen nicht verzichten. 1076 erklärten Heinrich IV. und die deutschen Bischöfe auf der Synode von Worms Gregor für abgesetzt. Der Papst bannte daraufhin den König, das heißt, er schloss ihn aus der kirchlichen Gemeinschaft aus. Die Fürsten des Reiches verlangten von Heinrich, dass er sich binnen eines Jahres vom Bann lösen müsse. Daraufhin zog dieser mitten im Winter über die tief verschneiten Alpenpässe nach Italien dem Papst entgegen, der auf dem Weg nach Deutschland war, um mit den Fürsten über das Schicksal des Königs zu entscheiden. Indem er drei Tage hintereinander im Büßergewand vor der Burg Canossa erschien ("Gang nach Canossa"), wohin sich der Papst zurückgezogen hatte, zwang Heinrich ihn, den Bann zu lösen.

Einmal vom Kirchenbann befreit, festigte er seine Machtposition in Deutschland wieder, obwohl die Fürsten inzwischen einen Gegenkönig gewählt hatten. Dann zog er nach Italien, wo er einen Gegenpapst gegen Gregor VII. wählen ließ, der ihn zum Kaiser krönte.

Heinrich IV. hatte in der Investiturfrage nicht nachgegeben. Sein Nachfolger Heinrich V. jedoch schloss 1122 einen Kompromiss mit dem Papst, das sogenannte Wormser Konkordat. Hierin wurde festgelegt, dass die geistlichen Fürsten ihre weltlichen Rechte (Temporalia) vom König, ihre geistlichen (Spiritualia) aber vom Papst erhielten. In Deutschland (und nur hier) bekam der König das Recht, selbst oder durch einen Vertreter bei Bischofs- und Abtswahlen zugegen zu sein und bei einer strittigen Wahl zu entscheiden. Die Vergabe der Temporalien lag hier auch vor der geistlichen Zeremonie, so dass niemand gegen den Willen des Königs zum Bischof oder Abt gemacht werden konnte.

Mit dem Wormser Konkordat waren die Streitigkeiten zwischen Papst- und Königtum noch nicht beendet. So setzten die deutschen Könige allmählich ihren Anspruch auf den Kaisertitel auch ohne Krönung durch den Papst durch, und andererseits schalteten sich die Päpste noch wiederholt in die Nachfolgeregelung und die Politik in Deutschland ein. Eine so tiefgehende Auseinandersetzung wie der Investiturstreit fand aber nicht mehr statt.

 

Wenn es um das ewige Leben geht, müssen manchmal äußerst praktische Fragen geklärt werden, um die Gläubigen zufrieden zu stellen. So wird zwar geglaubt, dass die Toten am jüngsten Tag auferstehen, aber in welchem Zustand? Es ist schwer vorstellbar, dass die verwesten Körper und halb zerfallenen Skelette wieder zum Leben erweckt werden sollen. Allmählich setzte sich der Glaube durch, dass der Körper in seinem" besten Zustand" aufersteht, das heißt in einem Zustand, in dem der verstorbene im vollen Besitz seiner Kräfte war. Könige, Päpste und schließlich auch der Adel verbreiten diese Vorstellung, indem sie sich auf ihrer Grabplatte als Tote darstellen lassen. Diese Liegefiguren oder "Gisants" zeigen den Toten in seiner ganzen Herrlichkeit samt ständischer Kleidung und Herrschaftsinsignien.


Das Pilgerwesen gehört zu den bedeutendsten Phänomenen der mittelalterlichen Religiosität. Ohne Unterschied von Stand, Herkunft und Bildung ergriffen alle den Pilgerstab: Arme und Reiche, Kleriker wie Bauern, Könige ebenso wie Gelehrte, Männer, Frauen und Kinder. Wir können davon ausgehen, dass fast jedermann im Hoch- und Spätmittelalter, je nach Stand und Vermögen, Abkömmlichkeit und Devotion, mindestens einmal in seinem Leben eine Pilgerfahrt zu einem ferneren oder nahe gelegenen Heiligtum unternommen hat.

Pilgern war nicht das einzige sanktionierte Reisemotiv. Daneben gab es die Missionsreise, die kriegerische Verteidigung bzw. Ausbreitung des Glaubens (Kreuzzüge) und den Fernhandel, der seit dem 11. und 12. Jahrhundert zunehmend von den städtischen Patrizierfamilien betrieben wurde. Das Pilgern unterschied sich von diesen eher berufsbedingten Reisemotiven neben der besonderen spirituellen Zielsetzung auch durch seine Zugangsmöglichkeit für Angehörige aller Klassen und Altersstufen.

Spielte bis ins 9. Jahrhundert im Rahmen der ursprünglichen Vorstellung vom Pilgern als "In-der-Fremde-Leben", als asketischer Heimatlosigkeit, der konkrete irdische Zielort noch eine untergeordnete Rolle, wird dann die Pilgerfahrt zu einem bestimmten Ziel hin häufiger. Der Gläubige bricht aus der Behaustheit seiner vertrauten Raum-Zeit-Konstellation auf in das unbehauste Leben des Pilgers, dies aber mit dem Ziel, den heiligen Raum zu erreichen, in dem das Göttliche sich ihm vergegenwärtigt. Eine Hinwendung zu den heiligen Stätten zeichnet sich ab, wie zu Rom im 10. Jahrhundert, zu Jerusalem und Santiago im 11. und 12. Jahrhundert.

Hunderte von Kilometer wurden zurückgelegt, um zu einem dieser drei großen Fernpilgerzentren zu gelangen. Diese drei "peregrinationes maiores", von denen der Pilger als geweihtes Andenken einen in Metall gegossenen Petersschlüssel (Rom), einen Palmzweig (Jerusalem) oder aber die berühmte Jakobsmuschel (Santiago) heimbrachte, übten auf die Gläubigen eine besonders starke spirituelle Anziehungskraft aus.

Dabei spielte die Reliquienverehrung eine wichtige Rolle. Seit dem vierten Jahrhundert wurden den Reliquien von Heiligen übernatürliche Kräfte beigemessen. Sie galten gleichsam als das materielle Vermittlungsobjekt von Gnade und Heil. Reliquien erlangten dann im Hochmittelalter eine solche Bedeutung, dass ihnen mitunter sogar als Zahlungsmittel der Vorrang vor Gold und Silber gegeben wurde. In der Folgezeit nahm der Reliquienkult Ausmaße an, die selbst vor einem "frommen Raub" nicht zurückschreckten. Es entwickelte sich gar ein eigener Handelszweig für den Vertrieb. Reliquien verschafften Schutz, Hilfe, Ansehen und Macht. Sie konnten politische Ansprüche durchsetzen und legitimieren. Auch die Erhebung Santiagos zum Erzbistum zählt dazu, der Anspruch wurde mit der Präsenz der Apostelreliquien begründet. Weil es an Reliquien stets mangelte, erfand man die zahlreichen indirekten Reliquien, die ununterbrochen geschaffen werden konnten, zum Beispiel durch Berührung des Heiligtums mit einem anderen Gegenstand. Aber nicht nur diese Berührungsreliquien, sondern auch Erde aus dem heiligen Land, Holz vom Kreuzesstamm oder von den Ölbergsbäumen oder das von den Kerzen am Heiligtum herab tropfende Wachs waren als Verehrungsobjekte äußerst beliebt. Für den gläubigen Menschen des Mittelalters galten die jeweiligen Reliquien als echt, wenn sie Wunder bewirkten. Gerade die Wunderberichte lockten zahlreiche Pilger auf den Weg. Den Apostelreliquien in Santiago kam in zweifacher Hinsicht besondere Bedeutung zu: Jakobus war der einzige im westlichen Okzident begrabene Apostel und er war der erste Märtyrer der Christenheit. Damit hatte sein Kult von Anfang an eine erhöhte Durchschlagskraft.

Versucht man, die mittelalterliche Pilgerfahrt nach ihren unterschiedlichen Motivationen zu typisieren, kann man drei Grundtypen herausstellen: Pilgerfahrt aus Devotion, Pilgerfahrt als Buße oder Strafe und die Delegationspilgerfahrt. Die Pilgerfahrt aus Devotion, die nach Ausweis der mittelalterlichen Pilgerführer als die reinste Form gilt, lässt sich in Bittpilgerfahrt und Dankpilgerfahrt scheiden. Körperliche oder andere Nöte motivieren häufig zu einer Bittwallfahrt, bereits durch ein Wunder Gerettete pilgern zu einem heiligen Ort, um dem Heiligen zu danken und vielfach, um ein Gelübde zu erfüllen. Devotionspilger folgten dem bekannten Ruf des Heiligen; für sie dürfte der Wunsch, dem Grab und Körper des Verehrten physisch nahe zu sein, ein bedeutendes Motiv zum Antritt einer Pilgerfahrt gewesen sein. Sicherlich darf man oft auch "außerreligiöse" Motive wie Reiselust und Fernweh in Rechnung stellen, für die Santiago-Fahrt wohl auch die Faszination der Reise an den äußersten westlichen Rand der Erde. Der religiöse Hauptanstoß für den Aufschwung des Pilgerwesens darf jedoch in der Wundergläubigkeit des mittelalterlichen Menschen gesehen werden.

Diesen freiwillig unternommenen Pilgerfahrten lässt sich der Typus der zunächst von kirchlichen, dann auch von weltlichen Instanzen verordneten Buß bzw. Strafpilgerfahrt gegenüberstellen. Es handelte sich dabei zuerst um eine Praxis des kanonischen Rechts, die sich in der Karolingerzeit entwickelt hatte und über Jahrhunderte lebendig blieb. Ab dem 13. Jahrhundert werden auch von weltlichen Instanzen, besonders im belgisch - niederländischen Raum, später auch in den Hansestädten, Strafwallfahrten nach Santiago verhängt. Zwischen 1415 und 1513 erfolgten allein in Antwerpen etwa 2500 Verurteilungen zu verschiedenen Pilgerfahrten. Es blieb nicht aus, dass dieser Typus von Pilgerfahrt auf das Pilgerbild im Allgemeinen negativ abfärbte. Im Extremfall wurden die Begriffe "Pilger" und "Verbrecher" synonym.

Eine dritte, ebenfalls seit dem Spätmittelalter häufiger anzutreffende Form ist die Delegationspilgerfahrt, bei der jemand anstelle eines anderen oder im Auftrag einer Gruppe reist. Die stellvertretende Pilgerfahrt bzw. die testamentarisch angeordnete "postume" Fahrt machten es möglich, dass es berufsmäßige Pilger gab, die nach einem festen Tarif bezahlt wurden.

 

Die Beziehung zwischen städtischer Identität und religiösem Ritual mag ein Quellentext aus der Zeit um 1500 verdeutlichen. Dass bei dem Einsturz der beiden Türme der Pfarrkirche in der Karfreitagnacht 1497 niemand ernsthaft verletzt wurde, betrachtete der Rat von Schwäbisch Gmünd als Wunder, das er der Patronin der Pfarrkirche, der Gottesmutter, zuschrieb. In einem städtischen Amtsbuch ließ er durch den Stadtschreiber einen ausführlichen Bericht eintragen. Mit einem Kreuzgang am folgenden Georgstag unter Beteiligung der Priesterschaft und der drei Bettelordenskonvente stattete das Stadtregiment Maria den schuldigen Dank ab. Zugleich stiftete der Rat - zuer gedächtnus solcher gnad unnd barmhertzigkeit - eine jährliche Prozession am Ostermontag. Man sieht: historiographische Aufzeichnung ("Stadtbuchchronistik") und wiederkehrendes Ritual griffen ineinander.

Der Besuch dieser Prozession wurde in der Mitte des 16. Jahrhunderts im Ratsherrn-Eid der Stadt eigens eingeschärft. Beide Erinnerungsmedien, sowohl der Text als auch das Ritual, weisen die Pfarrkirche und damit auch Gmünd als besondere Gnadenstätte aus und demonstrieren so den Charakter der Stadt als Sakralgenossenschaft.

 

Bericht des Stadtschreibers Rudolf Holl über den Einsturz der beiden Türme der Marienpfarrkirche zu Schwäbisch Gmünd 1497 

 

Anno domini 1497 uff den heilligen carfreüttag, war unser l(ieben) frawen irer verkündigung abendt, zwischen 9 unnd 10 uhrn vor mitternacht fillennt die beüde thürn, so zwischen dem chor unnd dem langkmünster in unser lieben frawen pfarrkirchen gestandten seindt darnider. Und war in dem alß mit beschlossenen thüren im chor vier schueller, die hinder dem fronaltar bey dem grab sungen, und bey ihnen zwen alt man, die der liechter warttende. Den allen sechsen geschah keinem kein laydt an seinem leib, aber fast weh beschah ihnen von dem staub. Da rueffen sie die mutter gottes an, daß sie ihnen zur hilff komme und sah ihrer keiner kein liecht, dan der staub hatt sie alle abgelöscht, unnd deren doch gar vihl warend. Unnd über eine klein weill nach dem niderfallen unnd anruoffen zue der muetter gottes, so sie gethan hetten, gieng einer von den zwen alte menner an die statt hinder dem fronaltar, wo der zunfft kertzen stuonden. Er hett ein waxliechtlen in seiner hanndt unnd sah alda ein glimmen, gleich als so ein liecht erloschen ist unnd der butz dan noch ein wenig glimpt, und hueb daselbß sein liechtlen an den glimmen, darvon sein liechtlen angezündt war. In der weillen hatt man vor der kirchen ir geschrey gehörtt und leinten ein laittern an, daran etliche persohnen heruff stigen, schluogen ein fenster auß unnd hulffen den sechs persohnen daselbsten herauß. Da nun die kirch von einer erbarn gemeinde mit grosem ernst unnd fleiß unnd näher dan in drey wochen gar unnd gantz gerompt worden, unnd man unnder den blöckhen, höltzern unnd steinen vier glockhen fandt, die in den thürnen gehangen weren, den zwayen nichts geschehen war, den andern zwayen aber alß der kleinen osen die öre herab unnd einer mitlen die öre halben. Mer fandt man darunder ein schönnes unser lieben frawen bildt, war uff der kindtbeth unser lieben frawen gestandten, daß ist auch unversehrt gantz gebliben auser an zwayen fingern. Unser lieben frawen kinndtbeth hatt auch nit vihl merckhlichen schaden gelithen auß der ursach, daß sich in der mitten von einander gethon unnd hinden an die wanndt geruckht gewesen ist. Man fandt auch daß bildt unsers lieben herrn, welches man allweg an dem uffarths tag hinauff gezogen hatt, unversehrt unnd frey gantz, allein daß der fahn von ihm kommen ist. Man fandt auch in allen zerknirsten altären die haillthumb unversehrt, deßgleichen der heilligen junckhfrawen Mariae Magdalenae bildt, das uff ihrem altar gestandten und der altar darunder gantz zerknirst war, unversehrt frey gantz. Unnd im chor alle büecher in den pulpiten waren auch alle gantz. Unnd inn der sacristey, die von obenherab gantz voll mit grossen blöckhen, holtz, grosen quadern unnd andern grosen steinen verfallen, war daß hochwürdig sacrament unversehrt frey und gantz. Auch die kelch und meßbüecher, meßgewanndt und kormentel unversehrt, daß doch ein gros wunderzeichen unnd güettlich zuegeloben ist, daß die muetter gottes solches beschirmpt hab. Alß auch die thürn an Clauß Tuechscherers hauß gefallen, seindt er unnd seine fraw beyeinander in ihrer kammer an dem beth gelegen und hatt die fraw ein kleines kindt in einer wiegen neben ihr vor der bettstatt stehen unnd alß sie daß gerümmel von den thürnen gehörtt, hatt sie sich entbörtt unnd ein ihren arm über die wiegen unnd daß kindt geleith. In dem seind die thürn nidergefallen und vihl von thürnen mertel unnd staub uff sie und die wieg(en) gefallen. Unnd wo sie die wiegen nit an sich gezogen unnd umbkert hette, were das kindt erstickht. Es lagen auch in einem besondern beth zue ihren häuptern zway irer kinder, uff die füellen von den thürnen keckhsparren unnd blöckh unnd geschah denn kindern keinem kein laydt darvon. Unnd von den thürnen füell ein knopf zue dem dach hinein. Derselb knopf schluog in die benne ob irer kamer in daß kornhauß, darinen ein merckhlicher hauff haber lag, ein groß loch, dardurch der haber in der kammer zue ihnen lieffe, unnd wo die muetter gottes sie nit versehen unnd beschirmtt hete, so waren sie von dem haber erstickht.

Solche grose wunderzaichen, gnadt unnd barmhertzigkeitt den frommen leüthen in der statt Schwäbischen Gemendt von der muetter gottes erzeigt unnd erwisen, hatt ein ersamer rath betracht, bedacht unnd zue hertzen genommen unnd uff St. Georgen deß heilligen ritters tag einen creitzgang mit der erbarn priesterschafft unnd den dreyen orden gethan unnd der muetter gottes solcher gnaden und barmhertzigkeitt fleisig unnd ernstlich lob unnd danckh gesagt. Es ist auch darzue von einem ersamen rath firgenommen, daß hinfiro in die ewigkeitt alweg uff den guettemtag in ostern zuer gedächtnus solcher gnad unnd barmhertzigkeitt ein solchen creitzgang gehabt und firgenommen werden, unnd vonn keinerlay sach wegen vermitten noch underwegen bleiben werden solle. Darumb so ist solcher handel und geschicht dem stattschreiber Rudolff Hollen genandt Ästlen von eim burgermaister unnd erbarn rathe in dises der statt buech zueschreiben befohlen worden, alß er dan gethan hatt etc.

 

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