Im Mittelalter wurden selbst kleine Vergehen grausam bestraft. Delinquenten wurden geköpft, verstümmelt, gerädert oder ausgeweidet. Archäologen graben mit wachsendem Eifer an alten Richtstätten und stoßen auf Spuren tragischer Schicksale:

"Der nicht mehr intakte Schädel lag zwischen den Füßen. Die Knochen des Thorax, besonders die Rippen, waren zerbrochen, offenbar durch Räderung, mehrfach auch die Röhrenknochen der Extremitäten. Über dem Leichnam war Unrat wie Asche und dergleichen angehäuft. Dabei fand sich auch ein kleines Salbenbüchschen mit braunvioletter Glasur, wie sie für das 15. Jahrhundert charakteristisch ist."

Die Idee einer Wiedereingliederung Krimineller in die Gesellschaft war Richtern im Mittelalter fremd; ihr Rechtsverständnis blieb die Basis der Urteilsfindung bis weit in das 18. Jahrhundert. Kam das Gericht auf der Grundlage eines oft unter Folter erzwungenen Geständnisses zu seinem Urteil, verlieh es ihm symbolisch durch das Brechen eines Stabes Gültigkeit. Verstümmelung war eine gängige Strafe, etwa das Abhacken einer Hand bei Münzfälscherei. Mit dem Tod ahndeten die Richter ebenfalls zahlreiche Delikte: Mord, zumeist auch Totschlag, Brandstiftung, Landesverrat und Majestätsbeleidigung, Bigamie, Unzucht und Ketzerei. Selbst bei dieser endgültigen Sühne gab es Unterschiede: Wer seinen Kopf auf den Richtblock legte, fand relativ schnell den Tod; wen die Büttel auf das Rad flochten, starb erst, nachdem ihm jeder Knochen im Leib gebrochen war.

Richtstätten lagen an Ausfallstraßen oder markanten Wegkreuzungen vor Burgen, Dörfern oder Städten, auf natürlichen oder künstlich angelegten Hügeln. Als Rechtsbezirk durch einen Zaun oder eine Mauer abgegrenzt, ragte dort der Galgen auf. Der Weg zur Richtstätte war manchmal schon Teil der Strafe: Der Verurteilte wurde währenddessen mit glühenden Zangen gepeinigt oder von einem Pferd über den Erdboden geschleift. Auch ohne solche Folter muss sich ein Delinquent ein seltsames Gefühl gehabt haben, als er den Galgen erblickte, die am Himmel kreisenden Rabenvögel .... Trotz des Gestanks von verwesendem Fleisch warteten Schaulustige, denn Hinrichtungen waren von der Obrigkeit inszenierte Spektakel der Abschreckung. Deshalb brachten die Stadtbüttel die Leichen auch erst viel später (wenn überhaupt) unter die, natürlich ungeweihte, Erde, sei es direkt unter der Richtstätte oder in ihrem unmittelbaren Umfeld.

Die nach damaligem Verständnis schimpflichsten Verbrechen ahndete die Rechtsprechung mit der wohl grausamsten Hinrichtungsart: dem Rädern. Dabei galt es als strafmildernd, wenn der Scharfrichter ihn vorher durch einen Schlag gegen die Schläfe betäubte. Später wurde der geschundene Körper "auf das Rad geflochten", also gebunden, und dann dieses auf einem Pfahl aufgerichtet, den Vögeln zum Fraß. Manch einer war zu diesem Zeitpunkt noch lebendig und bei Bewusstsein. Die Texte berichten noch über eine ganze Reihe weiterer Methoden, Delinquenten möglichst qualvoll zu Tode zu bringen, vom Verbrennen und Ertränken über das Pfählen bis hin zum "Entdärmen".

Je größer eine Gemeinde, desto aufwändiger ihre Richtstätte. In Emmenbrücke, Schweiz, grenzte eine etwa zwei Meter hohe Mauer eine Fläche von 1650 Quadratmetern ab. Sie schützte vor den Überschwemmungen der Bäche und hielt Tiere ab. Durch ein Tor gelangten der Verurteilte, die Gerichtsherren, der Geistliche, der Scharfrichter und seine Gehilfen sowie die Schaulustigen in den Rechtsbezirk. Dort ragte übermannshoch ein aus Schottersteinen und Mörtel gemauerter Galgen auf. Sein Grundriss war der eines gleichschenkligen Dreiecks mit jeweils etwa neun Meter Seitenlänge. Eine Tür führte ins Innere des Gemäuers, auf dessen Ecken die bis zu vier Meter hohen Pfeiler standen.

Steine und Ziegel dienten zur Verkeilung und als Widerlager senkrecht aufgerichteter Stangen, dort standen die Räder. Tierknochen von Hund, Rind und Schwein im Bereich der Richtstätte verraten übrigens, dass der Henker gleichzeitig auch Abdecker der Gemeinde war.

 

Gottesurteile

Als ein subsidiäres Beweismittel an Stelle des Zeugenbeweises oder des einfachen Eidbeweises tritt im germanischen, besonders im fränkischen Prozess nicht selten das magische Verfahren des berufenen Gottesurteils ein. Man greift dazu bei einer Zeugenschelte, Eidesschelte oder Urteilsschelte, besonders in einem Meineidsprozeß, ferner bei mangelnder Eidfähigkeit, der Frauen und Unfreien, oder zu feierlichster Beweißung. Christlich gedacht, sucht man hierbei eine Entscheidung der Schuldfrage durch ein wunderbares, von Gott gesandtes Zeichen. Viele Wege führen zu solchem Gottesurteil, doch stets geht dem eigentlichen Gottesurteilsverfahren ein Reinigungseid voraus, dessen Wert eben das folgende Gottesurteil bestimmen soll.

Aus dem 9. bis zum 13. Jhd. sind zahlreiche liturgische Formeln erhalten, die diese Gottesgerichte erläutern. Sie stellen sich gerade als ein Kampf mit bösen Dämonen dar, die den Verbrecher beherrschen und von Tugend und Wahrheit abhalten. Alle Waffen der Kirche müssen zu solcher Teufelsaustreibung helfen. Durch Fasten und Gebet bereiten sich Priester und Angeklagter, ja alle Mitwirkenden vor. Eine Messe, mit Abendmahl, vollendet die innere Reinigung.

Die eigentliche Zeremonie wird eingeleitet durch eine gegen teuflische Verhärtung gerichtete Beschwörung des Angeklagten, die Schuld zu gestehen, und eine Bannung aller störenden bösen Zauber und Segnung des reinigenden Elements. Dann schreitet man zur Probe selbst, die, außer der Kaltwasserprobe, im Atrium der Kirche stattfinden soll.

 

Folgende Arten haben sich allmählich herausgebildet:

  1. Feuerproben: Der Unschuldige bleibt wunderbarerweise ohne Brandwunde, obwohl er entweder die Hand oder den Leib dem Feuer selbst preisgibt oder den Arm in kochendes Wasser taucht oder glühendes Eisen tragend oder beschreitend berührt.
  2. Wasserproben: Der Unschuldige, an Händen und Füßen gebunden, sinkt unter, während das Wasser den Unreinen, Schuldigen ausstößt, schwimmen macht.
  3. Speiseproben: Der Unschuldige wird durch Einnahme einer besonders geheiligten Speise nicht geschädigt, in Europa entweder Brot und Käse oder Hostie.
  4. 4. Mannigfache Losproben. Diesen "einseitigen" Gottesurteilen, die nur den Angeklagten treffen, steht als "zweiseitiges" Gottesurteil.
  5. 5. Der Zweikampf zwischen Kläger und Beklagtem oder den Vertretern gegenüber, der aus der Einzelfehde vor Gericht sich auch zum Gottesurteilsverfahren gewandelt hat, der Kirche stets besonders verhasst, während diese sich sonst nicht immer entschieden überall von den Gottesurteilzaubern ferngehalten. Deren Ursprung ist nicht eigentümlich germanisch, aber auch nicht in fremdem, etwa orientalischem Einfluss zu suchen.

 

Gottesurteilhafte Handlungen kennen alle Völker der Erde auf einer gewissen Kulturstufe. Es liegen ihnen, von jedem höheren Gottesglauben unabhängig, uralte Zwingzauber zugrunde, die durch ein meist widernatürlichen Zeichen Schuld oder Unschuld eines für ein Unrecht Verdächtigen feststellen wollen, verchristlicht zu Wunderzeichen der göttlichen Gerechtigkeit; solche magische Methoden der Verbrecherverfolgung sind zweifellos auch den Germanen ureigen, zum Teil wohl als indogermanisches Erbgut. Zu Gottesurteilen geworden, haben sie sich bis heute im Kampf gegen Dieb und Diebstahl im deutschen Aberglauben erhalten.

 

Dieser kennt neben jenen berufenen auch unberufene Gottesurteile, die ungesucht erscheinen:

1. als anklagende Schuldzeichen, Lebensäußerungen des Ermordeten, so das Blutfließen der Wunde bei der sogenannten Bahrprobe, Glauben an den "lebenden Leichnam";

2. als rechtfertigende Unschuldszeichen, Lebensäußerungen des "unschuldig" Hingerichteten, so das Sprießen eines Seelenbaumes, das Stabwunder. Die Bahrprobe ist in Deutschland vom 12. bis 14. Jahrhundert auch noch zum berufenen Gottesurteil geworden.

 

Selbstverständlich verließ man sich nicht nur auf eine höhere Instanz, um Urteile für Vergehen zu fällen. Der überwiegende Teil für unrechtes Verhalten wurde durch weltliche Gerichte beurteilt. Wie auch heute war ein Gerichtsverfahren nicht zwangsläufig eine Verurteilung wegen schuldhaftem Verhalten. Hier wurde nicht nur gegen andere Bürger geklagt, auch gegen die Kirche, Adelige, Städte und Staaten.

Unter anderem finden wir in der Chronik des Burkard Zink für Augsburg folgende Beispiele:


1375 - Auf Montag vor pfingsten lam Kraft Waller geen Mergetaw und erstach ainhundert und 60 ochsen ze tod, die waren der metzger von Augspurg, und wundet den hueter darbei und rait darnach an den Lech zu der stat hierten und erstach in und sein knecht ze tod. da ließ man hie berueffen, wer den Kraft Waller gefangen precht her in die stat, er war burger oder gast, dem wolt man geben 1500 fl., und wern erstech, dem wolt man geben 1000 fl.; und wer sein vetter Seitzen zu tod schlieg, dem wolt man geben 500 fl.; und wer Steffan Kling erstech, dem wolt man geben 200 fl. 


1464 - Item am Montag nach corporis Christi hankt man ain großen dieb, der was ains weinschenken sun, genant Erhart Sumerman, der hat gar vil gestollen pfaffen und laien, mer dann 1500 fl. wert an großen trefflichen stucken und als darvor geschriben stat an dem fritten platt. und ist ain groß wunder, daß er so vil guets gestollen hat und an so manichen enden und stetten; und wär er selb viert gewesen, es wär dennocht ain groß wunder, das er getan mocht han. er was acolythus und nam man die  weihe im wider ab. 


1466, 21. August – 5. September – 12. September - Item es ist zu wißen, daß auf dornstag vor Bartholomeus kam ain brief in ain rat von hertzogen Ludwigen von Bairn, der sagt also, wie drei gefangen auf den tod weren, der ain ist genant der Köschinger, der ist der von Augspurg offner feind und ist darzu ain rechter pöswicht; der ander haist der Ochsenfueß, der auch den von Augspurg gar vil zu laid hat getan in dem negstvergangen krieg, der auch ain rechter pöswicht ist, als hernach wol ain tail gesagt wirt. die  haben gesagt, wie daß die von Augspurg mit in geredt und sie darzu auch geworben und bestelt haben und in auch groß guet darumb versprochen und verhaißen haben, daß sie in sollten einantwurten und übergeben Neupurg und Rain, baid stett gelegen an der Tunaw; und wenn das geschehen wär, daß die von Augspurg die ietzgenanten stett eingenommen hetten, so wollten sie darinnen alle menschen, frawen und mann, was über 12 jar gewesen wär, ertötten und sackman machen über baid stett und darnach gantz und gar außprennen als ain kalkofen. das hand die drei mörder und pöswicht an der marter, als man sie gewegen hat, verjehen auf die erwirdigen stat von Augspurg und haben das auch genommen auf ir letzte hinfart und sterben, daß die von Augspurg das also geredt haben mit in, daruaf so wollen sie sterben. das hat hertzog Ludwig den von Augspurg schreiben laßen, das wöll er von in im sinn han, daß sie im solch groß main und mord und den seinen tan wollten han; und die pöswicht die wöll man töten auf Freitag an sant Mangen abent und daß die von Augspurg darzu ir treffenlich potschaft schicken und bei dem rechten und bei irm sterben seien und hören, was die ibgenanten 2 von in reden und vor geredt haben, und ir ere verantwurten, ob sie mugen; darzu sollen sie haben ain guet frei sicher gelait biß widerumb an ir gewarhait. und als nun der vorbenant tag kommen was, da schrib man in aber und fatzt in auf den nechsten Freitag nach unser frawen tag, als sie geporen ist. und also schickten die von Augspurg ir ratspotten nemlich ainen, genant Linhart Radawer, und Jörgen Strauß, burgermaister auf dasmal, und ain doctor, genant maister Valentini (Meister Valentin Eber; 1457, 13. September auf 3 Jahre und weiter als Stadtschreiber bestellt; sein Sold wurde auf 120 fl. aufgebessert), mit 15 pfärden, die schickt man zu dem rechten gen Ingolstat. und soll man wißen, als man die gefangen berachten wolt, da hett man den von Augspurg ain gerüst mit schranken gemacht, da sie stan sollten und hören, wie die von in sagen und reden wollten. und fraget die der vogt und sprach zu dem Ochsenfueß: „[nun sprich,] alsdann du vor gesagt hast, wie die von Augspurg mit dir geredt hand.“ also sprach er: „auf das sterben, das ich tuen mueß, und auf mein letzte hinfart [bekenne ich], daß die von Augspurg nichts mit mir geredt hand und sind unschuldig an allen dingen, der man sie schuldiget; und alles, das ich von in geredt han an der marter und pein wegen und han die frommen leut fälschlich angelogen und han in unrecht getan, und was ich von in gesagt han, darzu bin ich genött und zwungen worden mit großer marter und dreuung mit noch größer marter, die man mir tuen wolt.“ das redet er offenlich mit lauter stim vor aller meniglich. also redt der vogt mit im und sprach: „Ochsenfueß, du hast offenlich geredt und mir verhaißen haben ze geben 2000 fl. und haben dir also geben 60 fl. also bar; und hast auch gesagt von den von Wörd, das solt du sagen ietz offenlich vor allem volk.“ und vil redt er mit im und hett in geren überredt, daß er den von Augspurg übel geredt hett in maßen, als man dann von den von Augspurg vor gesagt hat. also sprach der Ochsenfueß, als er nun auf der hauptstat was und man in richten solt, da sprach er offenlich mit lauter stim, daß es alles volk hört: „also helf mir gott und all hailigen, die von Augspurg sind unschuldig und ich han sie angelogen fälschlich und pöslich und sind frumm leut, das red ich auf mein sterben und auf mein letzten hinfart; und was ich von in geredt han, darzu bin ich mit großer ängstlicher pein und marter genött worden, dann man wolt mir nichts gleuben, was ich redt oder was ich sagt oder von wem ich sagt, so half es alles nit; man ließ mich an der marter hangen und fragt mich von den von Augspurg, und was man mich dann fragt das sagt ich und sprach, ich hett es alles getan, so ließ man mich herab so hett ich dann rue, und sagt von den von Augspurg, was man mich fragt, das hört man geren und gelaupt mirs alles wol; aber was ich sunst sagt, das half mich nit. darumb han ich auf die erwürdigen stat pöslich gelogen und han in unrecht getan von der großen marter wegen, aber auf mein sterben, das ich ietz tuen soll und mueß und auf mein letzte hinfart will ich also darauf sterben, daß die von Augspurg ganz unschuldig sind.“ das hat er geredt an seinem letzten end und sterben vor allem volk.

Item als er nun auf der hauptstat was und man in gleich richten wolt, wann er was der erst under sein gesellen, da rüest im der Köschinger und sprach: „Ochsenfueß, wa bistu?“ er sprach, er stüend und wartet seines sterbens. da  sprach der Köschinger: „lieber Ochsenfueß vergib mir durch gotswillen und durch unsers sterbens willen, dann ich han dich verratten und in den tod geben und die sach auf dich alle gelogen, darumb du die großen pein und marter auch den schmehen pittern tod gelitten hast und leiden muest; ich han auf dich verjehen und han gesagt, du habest mir gesagt, wie die von Augspurg mit dir geredt haben, und du habest mich gepetten, ich soll dir darzu helfen. das  han ich den von Augspurg zu neid und in haß getan und pöslich angelogen, und han auch den von Augspurg unrecht getan und välschlich angelogen, wann sie nie kain wort, weis noch werk mit mir geredt noch geworben hand, und weiß von den von Augspurg nichts, dann daß es frum leut sind, und in geschicht unrecht und sind unschuldig, das nim ich heut auf mein sterben, das ich tuen mueß, und auf die fart, die mein arme seel faren soll, und will also darauf sterben.“ das redet er auch mit leuter stim vor allem volk.

Item also tett auch ir baider gesell der kramer in aller maß als der Köschinger und bat den Ochsenfueß, daß er ims vergeb, er hett in fälschlich und pöslich angelogen in ainem neid, und nam das auch auf sein sterben zu gleicher weis als der Ochsenfueß und der Köschinger und starb auch darauf, daß die von Augspurg unschuldig wären aller obgeschriben bezicht und daß sie baid auf den Ochsenfueß also gelogen hetten in obgeschribner weise. also wurden sie an dem Freitag nach unser frawen tag (12. September), als sie geporn ward, alle drei getött und geviertailt; und unser potschaft kam herhaim am suntag vor Lamperti, gott sei gelopt!


 

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